Im Sprachraum der Zertifizierung von QMS- Systemen sind diese Bezeichnungen zu finden, die , je nach Sprachgebrauch der Verbände und Zertifizierer, zum Teil synonym, zum Teil aber auch doppeldeutig gebraucht werden.
In der DIN ISO/IEC Normenreihe sind diese Begriffe nicht definiert.
Hier finden wir die Zertifizierung an mehreren Standorten und die kombinierte Zertifizierung.
Zertifizierung an mehreren Standorten
Vereinfacht ermöglicht dieses Verfahren Organisationen, die über ein zentrales Managementsystem verfügen, und bei denen an den Einzelstandorten ähnliche Dienstleistungen erbracht werden, den Erwerb eines Hauptzertifikats und die Reduzierung des Auditaufwands durch das Stichprobenverfahren.
Bei Überwachungs- und Rezertifizierungsaudits werden regelmäßig die Zentrale und ein Teil der Standorte auditiert, d.h. jeder Einzelstandort wird nur alle paar Jahre überprüft.
- Der Vorteil liegt in der Reduzierung des Aufwands durch zentrale Aufrechterhaltung und Weiterentwicklung des QMS und der Reduzierung des Zertifizierungsaufwands.
- Nachteile sind insbesondere der verminderte Gestaltungsspielraum für die Prozesse in den Einzelstandorten sowie die Abhängigkeit von den anderen Standorten und der Zentrale. Sollte ein Standort die Anforderungen nicht erfüllen, ist das Zertifikat für alle weg.
Die genauen Anforderungen und Reduzierungsschlüssel sind im Leitfaden DAR 7 EM 3 des deutschen Akkreditierungsrats festgelegt http://www.dar.bam.de/pdf/dar_7_em_03.pdf
Innerhalb eines Unternehmens oder Unternehmensverbands wird dies Verfahren nun meist als Matrixzertifizierung bezeichnet; bei der Bildung von Untergruppen, z.B. Verkaufsfilialen innerhalb eines Konzerns, als Gruppenzertifizierung; bei Zusammenschlüssen von Unternehmen wird eher der Begriff Verbundzertifizierung verwendet.
Die Begrifflichkeiten sind hier aber fließend.

Ich bezweifle, ob Verbünde, deren ausschließlicher Zweck die Zertifizierung an mehreren Standorten ist, und bei denen auch nur das QMS zentral verwaltet wird, im Sinne der Norm und sinnvoll für ein gelebtes und adäquates Qualitätsmanagement sind. Solche Verbünde werden z.B. für Apotheken oder Kfz-Werkstätten angeboten.
Kombinierte Zertifizierung
Dieses Verfahren wird teilweise ebenfalls als Verbundzertifizierung bezeichnet. Gemeint ist hier die gleichzeitige Zertifizierung mehrerer Managementsysteme, wie z.B Qualität, Umweltschutz, Arbeitssicherheit, Datenschutz, Finanzen etc. , respektive eines integrierten Managementsystems.
Auch hier können Aufwandsreduzierungen durch die gemeinsamen Schnittmengen genutzt werden, und es stärkt erheblich das Zusammenwirken dieser Managementsysteme. Geregelt ist die kombinierte Zertifizierung im Leitfaden DAR 7 EM 8 http://www.dar.bam.de/pdf/dar_7_em_08.pdf Sie ist natürlich wiederum mit der Zertifizierung an mehreren Standorten kombinierbar (ergäbe dann Matrixverbundzertifizierung oder gar Verbundverbundzertifizierung…..)
Eindeutig ein eigenes Kapitel und durch keine Norm geregelt ist die Gemeinschaftszertifizierung. Hier schließen sich mehrere zu zertifizierende Organisationen zusammen, um gemeinsam, soweit sinnvoll, standardisierte QM-Handbücher und Verfahren zu entwickeln oder auch durchzuführen (z.B. gemeinsame QM- Dokumentation, KVP oder Managementreview).
Dies kann den internen Aufwand reduzieren, ebenso auch den Zertifizierungsaufwand, da hier die Konformität des QM-Handbuchs respektive der gemeinsamen Prozessbeschreibungen nicht bei jedem erneut geprüft werden müssen.
Jede Organisation wird jedoch als Einzelorganisation gehandhabt, das heißt, jährlich auditiert, und erhält respektive verliert auch ihr eigenes Zertifikat.

Entsprechend besteht bei diesem Verfahren der größte Freiheitsgrad bei den einzelnen, aber auch bei der Berechnung der Aufwandsminderung durch die Zertifizierer.
Allgemein habe ich den Eindruck, dass die Zertifizierer sich bei der Berechnung des Aufwands eher um den unteren Bereich des zulässigen Bereichs bewegen, vermutlich auch aufgrund des Konkurrenzdrucks. Daher werden auch die Reduzierungen nach obigen Modellen eher grosszügig gehandhabt und es lohnt sich finanziell sicherlich, mehrere Angebote einzuholen. Allerdings sollten Sie auch ernsthaft Vor- und Nachteile für Ihre Qualitätspolitik abwägen, es sei denn, es geht Ihnen nur ums Zertifikat.
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Hallo Herr Gorny,
vielen Dank für die (Auf)Klärung – das sind nätzliche Informationen, insbesondere auch für Verbände, die sich zunehmend dem Thema QM widmen.
Beste Grüße,
Dirk Günther
Hallo Herr Gorny,
danke für den Hinweis auf Ihren Blog, gefällt mir gut. Bzgl. des potentiellen “Dilemmas” mit den Stichproben-/Matrix-/Verbund-/Gruppenzertifizierungen stimme ich Ihnen in vielem zu, wobei m. E. jedoch das Grundproblem, dass das System nicht ausreichend gelebt wird, auch in ganz “normalen” Zertifizierungsprozessen auftreten kann. Schlussendlich kann bei einer Verbundzertifizierung bei ausreichender Ernsthaftigkeit der Bemühungen und Qualifikation durchaus neben den finanziellen ein weiterer Vorteil daraus entstehen, dass dann viele von der Qualität des Systems profitieren und viel Erfahrung über den KVP-Prozess zurückfließt und es so verbessert. Theoretisch zumindest, trotzdem möglich, und evtl. besser als gar nichts. Jedoch u. U. schlecht für das Image der Zertifikate. Wir werden damit leben müssen.
Viele Grüße
Ingrid Reichelt
Zunächst einmal herzlichen Dank für die Kommentare.
Freundlicherweise hat Herr Kai- Uwe Behrends, Geschäftsstellenleiter DGQ Hamburg, noch folgende knappe und leichtverständliche Darstellung auf Xing beigesteuert:
hier in kurzen Worten, wie der Zertifizierer meines Verrtrauens Skaleneffekte bei Zertifizierungen akkreditierungssicher zulässt:
1) Normalfall: Einzelzertifikat pro Betrieb
2) Standortübergreifendes Zertifikat: 1 Unternehmen, 1 Managementsystem, mehrere Standorte
(z.B. die DGQ-Zentrale in F mit ihren Geschäftsstellen in HH, B, S)
3) Stichproben-Zertifizierung: 1 Unternehmen, 1 Managementsystem, viele Standorte, gleichartige Tätigkeit (z.B. Einzelhandelskette mit 1.000 gleichartigen Filialen)
4) Gruppenzertifizierung: Mehrere Unternehmen mit einheitlichem Managementsystem
(z.B. 10 selbstständige Genossenschaftsbetriebe, die nicht nur Einkauf/Verkauf sondern auch das QM gemeinsam entwickelt und zur Vereinfachung einheitlich gestaltet haben ).
Die Anforderungen an das “gemeinsame QM-System” und den “Durchgriff der Leitung/des BoL” stellen in der Praxis dem Vernehmen nach erhebliche Herausforderungen dar. Es muss tatsächlich ein einheitliches gelebtes QM zu finden sein (sonst wäre da ja auch nichts, was eine Verkürzung der Auditdauer rechtfertigt).
Herzlichen Dank noch mal dafür,
Ihr Gunther Gorny
Hallo zusammen, hier noch ein Beitrag aus der Praxis, den ich dankenswerterweise in einer Gruppe von Xing von Herrn Dr. Mayer bekommen habe:
……mein bescheidener Beitrag aus Sicht des “Betroffenen”, ein Zertifizierer könnte hier sicher genauere Auskunft geben
Wir haben eine Matrixzertifizierung für die ISO 14001.
Unternehmensstruktur: Hauptwerk in Deutschland, 3 weitere Fertigungsstandorte im Ausland in verschiedenen Ländern. Integriertes Managementsystem nach ISO/ TS 16949, ISO 14001 und OHSAS 18001, weitgehend gleich für alle Standorte, geringfügige, meist organisatorische Unterschiede in einzelnen Prozessbeschreibungen oder 3rd level Dokumenten.
In der Praxis bedeuitet dies (in unserem Fall), dass nur an 2 von 4 Standorten pro Jahr ein Überwachungs- / Wiederholaudit stattfindet, nur die Zentralfunktionen Oberste Leitung und Umweltmanagement in der Zentrale müssen jährlich auditiert werden, man spart als deutlich externen Auditaufwand. Allerdings müssen an allen Standorten jährlich interne Audits stattfinden, die entsprechend auch bei den Zertifizierungsaudits überprüft werden. Möglicher Nachteil: Würde ein Standort bei einem Zertifizierungsaudit “durchfallen” wäre das Zertifikat für den ganzen Konzern weg, nicht nur für den betroffenen Standort. Weiterhin spielen momentan die Chinesen nicht mehr mit, dort gibt es wohl lokale (staatliche?) Vorschriften, dass jährlich ein Überwachungsaudit stattfinden muss. Unser Zertifizierer hat aber die Matrix entsprechend modifiziert , dass China jährlich und die anderen Standorte im 2-3 Jahreszyklus auditiert werden.
Dies sollte meines Wissens auch für die ISO 9001 möglich sein. Bei der TS 16949 geht es definitiv nicht, da muss jeder (Fertigungs-) Standort separat zertifiziert werden. OHSAS haben wir nur intern umgesetzt und bislang nicht extern zertifiziert.
gerade bei kombinierten respektive integrierten Managementsystemen wäre also zu prüfen inwieweit hier das Stichprobenverfahren anwendbar ist. Die ISO/ TS 16949 hebt z.B. insbesondere auf den Standort ab, der für die Entwicklung verantwortlich ist. Eventuell wäre eine Vereinheitlichung der Richtlinien sinnvoll, bei der Zentrale und Entwicklung regelmässig auditiert werden.